Die Plastiken, die Emanuel Guarascio und Lukas Hoffmann zusammen entwickeln, sind komplex und heterogen. Sie wuchern aus einer Vielzahl von Keimen, sind dicht, verschlungen, schillernd und bergen ineinander verschränkte Fragmente des Konstruktiven. Für den Betrachter sind sie kaum summarisch zu erfassen. Sie wollen Stück für Stück erkundet werden und zeigen uns eine Mannigfaltigkeit von Gesichtern. Die äußerst dynamisch anmutenden Konglomerate sind dabei aus ganz unterschiedlichen Materialien zusammen gesetzt, die allesamt aus einem allgemeinen und profanen Alltag stammen und nicht zu den traditionellen Ressourcen der Kunstproduktion gehören.
Das Duo entwickelt seine Plastiken in einem stummen Dialog. Die Regel, die sie sich dafür gesetzt haben lautet: Jeder kann die Arbeit beliebig verändern. Über die Arbeit darf während dem Entstehungsprozess nicht gesprochen werden. Dabei setzen die immer wieder unerwarteten Zwischenzustände den weiteren künstlerischen Entscheidungen Bedingungen. Die Herstellung der Plastiken vollzieht sich dabei keineswegs in heftiger Spontaneität. Sie ist vielmehr von Sorgfalt geprägt und einer aufmerksamen Befragung der im entstehen begriffenen Arbeit. Produktiv ist dieses Verfahren gerade durch seinen reagierenden statt vorschreibenden Charakter. Sie erfüllt damit ganz Adornos Forderung, dass das Kunstwerk vom Material selbst her zu entwickeln sei. Einer eigendynamischen Entwicklung wird so Raum gegeben, die aus sich heraus ein schlüssiges Ergebnis produziert. Ich denke, dass diese Plastiken mit dem ganzen Körper gebaut worden sind, das heißt mit der Intuition, mit der Laune des Tages und den Eindrücken vom Einkaufen gehen, mit dem dichten Potpourri des Bildgedächtnisses und der Intelligenz der Muskeln und Sehnen und auch mit der Vernunft, die Massen und Kräfte kennt, und Kunst-Diskurse und die Preise von Klebeband. Wäre dies ein Manifest, könnte man fröhlich verkünden: Dieses Produktionsverfahren setzt die kooperative Anarchie der Dinge und der vereinten Seelenvermögen ins Werk, und stellt sich gegen die selbstbezogene Diktatur der Ratio. Und deshalb scheint zwischen dem, was Emanuel Guarascio und Lukas Hoffmann den lieben langen Tag so treiben, und was zwischen ihren keineswegs versiegelten Ohren so alles geschieht, kurz also zwischen ihrem Leben und dem Bauen dieser Plastiken ein Kontinuum zu bestehen.
Es sind laute Materialien, ziemlich gesprächige Materialien, die sich hier im Raum zusammen ballen. Sie erzählen von chemischen Syntheseverfahren, vom Alltag des Konsums, von Handelswegen, von Infrastrukturen, vom Dickicht der Städte, von der mechanischen Vergangenheit und der organischen Zukunft der Technik. Sie erzählen genauso von den bunten Waren, wie von dem, was von ihnen übrig bleibt, wenn die perfide Maschine der Träume sie verdaut hat. Die Plastiken spiegeln also einen Zivilisationszusammenhang, der chaotisch ist, unübersichtlich, wandelbar und fragil. Sie sind gleichsam Modelle des gegenwärtigen Gesellschaftszustands. Das ist zu viel gesagt? Vielleicht, aber wie im Gehirn des Verschwörungstheoretikers, gibt es in den Netzen der ästhetischen Analogien, die eine Kultur durchziehen, wenige Zufälle.
Eine Beschreibung dieser Arbeiten, muss vor allem auch das Moment der Zeit berücksichtigen. Denn die Plastiken lenken die Gedanken des Betrachters auf den Prozess ihrer Entstehung. Sie sind geronnene dialogische Aktion. Man denkt und fühlt, dass sie in einem offenen Geschehen gewachsen sind, dass sie immer wieder erweitert, überformt und verdichtet worden sind und das ist einer der Gründe, warum sie an Lebewesen erinnern. Dies findet seine Entsprechung darin, dass einige der Plastiken als Mobile angelegt sind, die sich langsam bewegen, wenn sie angestoßen werden.
Ich möchte eine kleine Theorie über das Wachstum dieser verschlungenen Gebilde vorschlagen: Danach folgt dieses zwei Hauptgesetzen. Einem konstruktiven Gesetz, das Material zu bestimmten statischen, Volumenbildenden und Gleichgewichte schaffenden Zwecken verbindet, und einem musikalischen Prinzip, das die unmittelbare Ausdruckskraft von dynamisch im Raum verteilter Farbe und Form nutzt. Das konstruktive Gesetz, erzeugt Fragmentarisierung, Verschränkung loser Enden und Heterogenität, während das musikalische Prinzip Kohärenz und Einheit erzeugt. Und gerade diese formale Einheit ist es, die die verschiedenen Fragmente und Materialien der Plastiken so „sprechend“ macht. Denn die ästhetische Durchformung eines Gegenstandes macht die Bedeutungen seiner Teile viel deutlicher vernehmbar. Die dichte kompositorische Einheit hebt die in dem Gegenstand angelegten Zeichen als deutliche Artikulationen hervor. Sie schafft einen Raum der Konzentration, der dem Inhalt Präsenz verschafft.

Andreas Woller

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Ohne Titel (kinetisches Objekt) | 2017
Ventilator, Neonröhren, Kabel, Holz, Metall, Textil, Kunststoff, Schaumstoff, Acrylglas, Kordel | Größe variiert

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Ohne Titel (kinetisches Objekt) | 2016

Motor, Batterien, Kabel, LEDs, Schaumstoff, Styrodur, PVC, Klebeband, Moosgummi, Na╠łgel, Faden | 47cm x 34cm x 107cm

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TRANSFORMAT | 2016

Notel Prinzregent, München

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KONSTRUKTION 424 | 2016

Schwere-Reiter-Straße 35, Zimmer 424, München

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KONSTRUKTION 11 / leer& | 2015

Akademie der Bildenden Künste, München,

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KONSTRUKTION 10 | 2015
12cm x 20cm x 45cm |

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KONSTRUKTION 8 | 2015
149cm x 130cm x 92cm

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KONSTRUKTION 7 / realh | 2015

Farbenladen München

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KONSTRUKTION 6 / real h | 2015

AkademieGalerie München